Von Kathmandu in die Berge: Protokoll einer abenteuerlichen Reise

Eingetragen bei: Asien, Nepal | 4

Heute fuhr ich von Kathmandu gen Osten in die Berge Richtung Himalaja. Ich war mit einem Tata unterwegs, einem Jepp-ähnlichen Wagen, der quasi als Bus fungiert. Ich war die Einzige in diesem Fahrzeug, die kein Nepalesisch spricht. Und die Einzige, die Englisch spricht. Da ich trotzdem viel zu erzählen hatte, hier das Protokoll meiner abenteuerlichen Reise:

04:53 * Ankunft am Busbahnhof Kathmandu. Einem von vielen, glaube ich.

05:07 * Der Fahrer der Familie, bei der ich in Kathmandu wohne, hat die Organisation meiner Reise in die Hand genommen und mich in ein Tata gesetzt. Vorne. Auf den Premium Platz. Hinter mir sind mindestens noch sechs Sitzplätze. Ein bisschen irritiert mich, dass der Fahrer dauernd „Bamti, Bamti“ sagt, ich aber nach Bhandar will. Na ja, wird schon stimmen.

05:14 * Meinen Bemühungen, mich anzuschnallen, bietet der Fahrer winkend Einhalt. Hab eh das Gegenstück zum Gurt nicht gefunden.

05:15 * Abfahrt. Pünktlich? Wer weiß das schon?

05:17 * Wir halten an und decken das Gepäck auf dem Dachgepackträger ab. Halte ich angesichts des einsetzenden Regens für sinnvoll.

05:22 * Wir halten an einer Straßenecke. Und warten. Der Fahrer hat eine wichtig aussehende rote Liste, mit der er hektisch herumwedelt, während er telefoniert. Ich mag Listen.

05:28 * Zwei Omis steigen zu und wir fahren endlich weiter. Es riecht nach Bier.

05:40 * Ich entdecke: Mindestens eine der Omis nuckelt an einer Bierdose.

05:45 * Meine Reisebegleiterin Priti ist zugestiegen. Jetzt ist sicher, dass ich im richtigen Wagen sitze. Wir lächeln uns freundlich an. Ich mag sie sofort, auch wenn wir uns dank einer Sprachbarriere quasi nicht unterhalten können.

06:06 * Das sieht mir verdächtig nach unserem Ausgangspunkt aus … Jepp, wir sind zurück am Busbahnhof. Alter …

06:40 * Eine Frau mit Baby steigt zu. Hätte wohl gerne meinen Platz.

07:07 * Ein weiterer Fahrer steigt ein. Der bisherige Fahrer rutscht rüber – mit auf meinen Sitz, die Gangschaltung zwischen den Beinen.

07:24 * Der alte Fahrer steigt aus. Schade, den mochte ich. Noch eine Mama mit Kind steigt zu. Und der neue Fahrer schnallt sich an. Ist das ein schlechtes Zeichen?

08:20 * Priti reicht mir von hinten das Handy. Ich werde auf englisch darüber informiert, dass heute wohl ein schlechter Tag zum Reisen sei. In Bhandar liege Schnee. Ich schlucke. Schnee, okay … Außerdem gehe es durch den Starkregen in der letzten Nacht den Straßen nicht gut. Und dann der Streik gestern. Auf unserer Strecke gab es einen „incident“. Aha. Es könne passieren, dass wir demnächst irgendwo bis 16:00 Uhr warten müssten. Notfalls könnte ich dann immer noch nach Kathmandu zurückfahren. Oder ob ich etwa jetzt schon umdrehen wolle. Ähm, nö. Noch ist ja alles super. Nur ein bisschen Regen. „Okay, talk to you later, Silki.“ … Das Telefonat lässt mich ein bisschen verwirrt zurück. Ich übe mich in Hakuna Matata.

09:10 * Tankstopp 17,8 l werden zugetankt. Dabei muss dass Auto offenbar geschüttelt werden. Ich zähle mal unauffällig nach: Hinter mir sitzen noch 10 Personen.

09:56 * Ich sorge für einen Lacher im Tata, weil mein Kopf quer rüber bis fast zur Schulter des Fahrers kippt. Damit bin ich also auch wieder wach und lache mit.

10:10 * Frühstückspause

10:25 * Zurück auf der Straße, um eine „Curry zum Frühstück und nepalesisches Stehklo“-Erfahrung reicher. Das Frühstück hat nur 40,- Rupien (ca. 40 Cent) gekostet. Ich hoffe, mein Magen hält das aus. Jetzt ist wirklich ein schlechter Zeitpunkt für djiggi djiggi. Der Himalaja hüllt sich in Wolken, mpf.

10:43 * Der erste Unfall. Ein Minibus hat beim Überholen den Betonpfeiler auf der Abgrundseite gerammt. Gut zu wissen, dass die Pfeiler sowas aushalten. Dahinter geht es nämlich senkrecht hinab.

10:46 * Sonne, yay!

10:56 * Stau und Umleitung quer den Hang hinauf. Etwas hat ein Loch in der Straße gerissen. Ist es das, was der Anrufer vorhin mit „incident“ meinte?

11:58 * Mittagspause ist bei mir Stullenzeit, das Brot muss ja weg. Meine Begleiterin guckt ein bisschen irritiert, aber mein Magen freut sich vielleicht. Schnell finde ich neue Freunde: Drei Kinder im Alter von 5 bis 8, die sich furchtbar gerne mit mir auf englisch unterhalten wollen. Sie lachen sich schlapp, als ich ihnen sage, wie alt ich bin.

12:28 * Time to say good bye. We are hitting the road again.

12:45 * Ein Typ ist grade zugestiegen. Bei dem darf ich auch mal für meine Fahrt bezahlen, umgerechnet 10 Euro.

13:10 * Wir gabeln einen Jugendlichen vom Straßenrand auf, der sich zu mir auf den Sitz quetscht.

13:12 * Wir verlassen die geteerte Straße.

14:05 * Namadi. Der Junge neben mir steigt wieder aus.

14:10 * Erst hat unser Fahrer mit irgendwelchen Jugendlichen rumgestritten. Dann sind wir gerade rückwärts durchs halbe Dorf zurückgefahren und jetzt ist der Fahrer verschwunden. Ein Typ quatscht durch die Stadtlautsprecher. Keine Ahnung, was hier passiert.

14:16 * Wir fahren wieder. Der Junge mit Ziege, der am Straßenrand steht, darf nicht neben mir mitfahren. Find ich okay.

14:17 * Große Aufregung im Tata. Ich sollte grade mehrfach meinen Rucksack hochnehmen. Ich glaube, mein jugendlicher Banknachbar hat dem Fahrer die Zigaretten geklaut und er war ihn vorhin suchen.

14:22 * Wäre das hier Afrika, hätten wir uns grade hoffnungslos im Matsch festgefahren.

14:38 * Die Zigaretten werden hervorgezaubert und an jemanden am Straßenrand übergeben. So viel zu meiner Theorie. Ich habe offensichtlich keine Ahnung, was hier abgeht. Immerhin weiß ich, dass wir in Betali sind. Das stand grade auf dem Schild. Wieso habe ich mein Navi nochmal zuhause gelassen?

14:51 * Der Fahrer popelt und schnipst den Popel zum Fenster raus. Und ich muss nicht mal würgen. Ein Etappensieg.

15:03 * Zum wiederholten Mal denke ich, einen Sport-BH anzuziehen wäre angesichts der Buckelpiste clever gewesen.

15:39 * Hinter Thosey geht es nach Priti gradeaus. Das amüsiert mich. Wir biegen aber nach links ab.

15:58 * Shivalaya. Alle sind ausgestiegen. Wir entladen das Tata. Mysteriös.

16:10 * Hier sind lauter Kinder aus dem Kinderhaus in Bhandar. Wie kommen die hierher? Und warum? Mir schwant Schlimmes …

16:30 * Es steht fest: Das Tata fährt nicht mehr weiter. Zu meinem Ziel bringt mich ein 7-stündiger Fußmarsch durch Schnee, Regen und Dunkelheit. Ähm, nö!

16:56 * Nach meiner Weigerung weiterzugeben, haben wir alle in ein „Hotel“ eingecheckt. Draußen geht grade die Welt unter. Und es wird dunkel. Egal, wie unbequem die mich jetzt finden: Ich bin sehr froh, bei dem Wetter nicht draußen auf irgendeinem Berg zu sein. Mit komplett durchweichten Klamotten und Gepäck. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag zum Nasswerden.

4 Responses

  1. Anne Hartmann

    Sehr geil! Ich hab mich köstlich amüsiert! Kopfkino läuft… 😉

  2. Kirsten

    Sehr schön zu lesen, Silke. Ich musste auch gleich ein wenig gegenüber Car sickness ankämpfen, obwohl ich hier auf meinen Sofa sitze, konnte das Curry fast schon riechen und musste laut lachen über deinen Fahrer 😉 Danke für deine Eindrücke!

    • die abenteuerliche

      Danke für dein Feedback, liebe Kirsten. Ich hoffe, deine Car Sickness ist auch wieder besser.

Kommentar schreiben