Endlich Helgoland!

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Ich verdanke es einem Buch, dass ich in diesem Jahr meine Ostertage auf Helgoland verbrachte. Die sagenumwobene Schmugglerinsel wollte ich eigentlich schon während meines Studiums in Bremen Anfang der 2000er besuchen, aber wie das so ist: Es war so leicht und hat genau deshalb nie gepasst. Seitdem stand Helgoland auf der Liste meiner Reiseziele. Nachdem ich in Johanna Rombergs Buch Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten das Kapitel über ihre Zeit auf der Hochseeinsel gelesen hatte, buchte ich spontan eine Ferienwohnung und die passende Fährüberfahrt. Es sollte endlich wahr werden!

Und das tat es. Und wie! Schon die Überfahrt von Cuxhaven zur Insel war wunderbar sonnig und im Windschatten gar nicht kalt. An Karfreitag war das Schiff zwar voller als gemütlich, aber an der Reeling war ein perfekter Platz frei, um aufs Meer zu schauen, den Möwen zuzusehen und in die Sonne zu blinzeln. Viel schneller als erwartet mischten sich Basstölpel unter die Möwen und wir erreichen Helgoland.

„Die Insel“ besteht eigentlich aus zwei Inseln: der Hauptinsel mit seiner berühmten roten Steilküste und die vorgelagerte Badeinsel Düne, die im 18. Jahrhundert durch eine verheerende Sturmflut von der Hauptinsel abgetrennt wurde. Helgoland blickt auch sonst zurück auf eine wechselvolle Geschichte. Mitten in der Nordsee gelegen, war es ein prima Ausgangspunkt für Seeräuber, Lotsen, Händler, Schmuggler und Kriegsschiffe. Im 18. Jahrhundert war Helgoland dänisch, dann britisch und seit 1890 gehört es zu Deutschland. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Insel stark bombadiert und in Folge evakuiert. Noch im Jahr 1947 sollten die Militäranlagen ein für alle Mal vernichtet werden. Dafür wurde die bislang größte nichtnukleare Sprengung der Weltgeschichte gezündet und dabei die komplette Zerstörung der Insel billigend in Kauf genommen. Doch Helgoland blieb standhaft. Erst 1952 konnte die Wiederbesiedelung beginnen.

In der Zeit des Exils bewahrten sich die Helgoländer ihre Gemeinschaft u.a. durch ihre gemeinsame Sprache, das Halunder. Und das Halunder, auf das man oft auf der Insel trifft, hat mich natürlich fasziniert.

Helgoland ist DER Vogel-Hot-Spot Deutschlands. Zu Zugzeiten kann man hier die ungewöhnlichsten Vögel sehen, manchmal sogar welche von anderen Kontinenten. Von Johanna Romberg weiß ich, dass die meisten dieser exotischen Vögel, die von Stürmen hierhergetrieben werden, fernab ihrer Heimat einsam sterben, unfähig aus eigenen Kraft den Weg zurückzufinden, aber das ist wohl ein ganz anderes Kapitel. Ich war zwar nicht zu den offiziellen herbstlichen Zugvogeltagen auf der Insel, aber auch im Frühjahr ändert sich der Vogelbestand täglich und außerdem beginnt die Brutsaison: An der Steilküste der Hauptinsel bauen im Frühjahr unzählige Basstölpel ihre Nester und dazwischen brüten tausende Trottellummen.

Die Tölpel brüten sehr nah am Weg und lassen sich von den interessiert guckenden Menschen gar nicht stören. Die Weibchen besetzen den Brutplatz und die Männchen holen Baumaterial herbei. Wenn ein Tölpel angeflogen kommt, gibt es immer ein lautes Hallo (ach, und eigentlich auch sonst ständig). Das klingt dann ungefähr so:

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Unter die Basstölpel mischen sich auch schwarze Trottellummen (noch so ein schöner Name), die ganz leicht von den weißen Tölpeln zu unterscheiden sind. Schwieriger ist es dann schon die Dreizehenmöwe zu identifizieren, aber auch das bekommt man hin. Möwe, Lumme, Tölpel sind auch für Anfänger gut zu unterscheiden. Profis entdecken in all dem Durcheinander dann noch Eissturmvögel (die den Möwen fies ähnlich sehen) und Tordalke (die sich als Lummen tarnen). Ernsthaft und wahrhaftig habe ich es tatsächlich geschafft, Tordalke zwischen den Lummen zu entdecken. Und ich war mächtig stolz! Die Entdeckung der Eissturmvögel habe ich mir fürs nächste Mal aufgehoben.

Ich sah außerdem Wintergoldhähnchen in Hülle und Fülle und ein paar Sommergoldhähnchen gleich mit dazu, genügend Steinschmätzer, um sie sicher identifizieren zu lernen, und eine Steppenweihe. Die von Frau Romberg berichtete Buchfinkenschwemme kann ich hingegen nicht bestätigen. Keinen einzigen habe ich gesehen oder gehört. Vielleicht meinte Frau Romberg statt Buchfinken ja Rotkehlchen? Über die bin ich nämlich dauernd gestolpert.

Worüber man hier auch im wahrsten Sinne des Wortes stolpern kann, sind Kegelrobben und Seehunde. Die liegen an den Stränden der Düne und ruhen sich aus. Im Winter bringen sie hier sogar ihre Jungen zur Welt.

Helgoland scheint ein Naturparadies zu sein; doch auch wenn der helgoländische Tourismus-Service vollmundig behauptet, hier gäbe es keine Umweltprobleme, so macht die moderne Welt auch vor diesem Flecken Erde nicht halt: dämliche Touristen lassen ihren Müll am Strand liegen und der Wind weht weithergebrachten vom Meer an Land. Auch Basstölpel bauen ihre Nester mit Resten von Fischernetzen, die sie im Meer und am Ufer finden. Nicht selten verfangen sich die Jungvögel oder die Eltern darin und verenden elendig. Ganz aktuell gibt es dazu ein Forschungsprojekt.

Außer über Vögel, Schmuggler und den großen Bang habe ich auf Helgoland auch etwas über die Kirche gelernt. Da ich ja über Ostern auf der Insel war und Ostern das eigentliche Freudenfest der Kirche und all ihrer Fans ist, besuchte ich das (zugegeben: heidnische) Osterfeuer auf der Düne und den Ostergottesdienst in der schönen Inselkirche. Ich war schon oft bei einem Ostergottesdienst, aber es dauerte bis zum Jahre 2019, bis ich die Tradition des Osterlachens kennenlernte: Die Pfarrerin erzählte auf der Kanzel Witze. Eigentlich ganz logisch, dass es an diesem Tag der Auferstehung Grund zum Lachen und Freuen geben soll. Auch sonst hat mir der Gottesdienst gut gefallen. Ich spürte dabei nicht nur etwas von der Freude der Auferstehung, sondern auch von der Gemeinschaft der Helgoländer.

Was all die Menschen, die mit mir angereist sind, in der Zeit ihres Aufenthalts auf der Insel gemacht haben, ist mir übrigens unklar. Erstaunlicher Weise habe ich es durch antizyklische Bewegungsmuster oder pures Glück geschafft, selten dort zu sein, wo viele andere Besucher*innen waren. Langeweile und der befürchtete Lagerkoller blieben trotz der kleinen Fläche des Eilands aus (auch ohne, dass ich das Museum, das Schwimmbad oder die Bunkeranlage betreten hätte).

Nach vier Tagen auf Helgoland kann ich voller Überzeugung sagen: Das Warten hat sich gelohnt: Helgoland ist großartig.

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