Briefe aus einer anderen Welt

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Als die Welt noch weit, fremd und furchtbar analog war, hatte ich eine australische Brieffreundin in Adelaide namens Olivia. Wobei der Begriff „Freundin“ wohl etwas hochgegriffen ist. Wir hatten unsere Adressen über eine Agentur ausgetauscht und haben uns drei-, viermal hin- und hergeschrieben. Schon damals interessierte ich mich für das Leben in anderen Ländern. Australien schien mir wunderbar fern und trotz der vertrauten Sprache fremdartig. Deshalb hatte ich mir von dem Auslandskontaktevermittlungsdienst extra eine Adresse aus Australien gewünscht. Mich faszinierten Beuteltiere, das Outback und die Menschen, die darin lebten. Als ich das Olivia schrieb (die ja in der Küstenstadt Adelaide lebte), antwortete sie mir, über das Outback wisse ich wahrscheinlich schon mehr als sie. Überhaupt schrieb sie mir immer enttäuschend kurz. Und irgendwann dann gar nicht mehr. Ich fürchte, unsere Interessen waren einfach zu unterschiedlich und die Welt war dann doch wohl ein bisschen zu groß, zu abstrakt und das Porto bis ans andere Ende zu teuer, als dass unsere Freundschaft damals eine Chance gehabt hätte.

Heute musste ich mal wieder an Olivia denken. Meine Sonnenbrille ist nämlich ohne mich durch Australien gereist und inzwischen in Adelaide gelandet. Die Dame an der Hotline fragte mich vorhin, ob ich jemanden in Adelaide kenne, der die Brille für mich abholen könne. Nein, leider nicht, sagte ich, aber natürlich hatte ich beim ersten Teil der Frage sofort Olivia im Kopf. Wie es ihr wohl geht, wenn sie noch lebt? Und wer sie wohl überhaupt ist? Mag sie Sushi, hat sie einen Hund, trennt sie ihren Müll, ist ihre Lieblingsfarbe immer noch pink? Inzwischen spreche ich gut genug Englisch und die digitalisierte Welt ist klein genug, als dass wir die Möglichkeit haben könnten, uns und die Welt des anderen kennenzulernen, wenn wir wirklich wollen würden. Schade, dass wir uns dafür damals beide nicht die Zeit nehmen konnten.

Der Gedanke an diese verpasste Chance macht mich fast sentimental. Ich werde wohl älter (was ich auch daran gemerkt habe, dass ich die Möglichkeit in Betracht ziehe, dass Olivia gar nicht mehr lebt). Gibt es heute eigentlich noch solche Kulturportale, die Kontakte vermitteln, oder läuft das alles über Chats und Tinder? Interessiert sich noch jemand für fremde Kulturen, da sie alle nur einen Klick weit entfernt liegen und wir glauben, alles schon einmal gesehen zu haben? Ich habe keine Ahnung, aber bei meinem nächsten sentimentalen Anflug werde ich die modernen Möglichkeiten der interkulturellen Brieffreundschaften mal ergoogeln.

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