Rückkehr in den Standley Chasm

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Genauso wie man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, besucht man nie zweimal denselben Ort. Diese Lektion hätte ich gleich bei meiner Ankunft zurück im Outback lernen können. Es dauerte aber bis wir am zweiten Tag den Standley Chasm erreichten, bis mich die volle Welle dieser Erkenntnis traf.

Der Standley Chasm ist eine enge Schlucht in den westlichen MacDonnell Ranges, einer 644 Kilometer langen Gebirgskette im Outback Australiens. Mittags fällt für eine gute Stunde Sonnenlicht weit genug in die Schlucht, um die roten Felswände zum Leuchten zu bringen. Zufällig war ich beim ersten Besuch zu dieser magischen Tageszeit im Chasm, blieb sehr lange auf einem Felsen sitzen und sah dem Leuchten zu. Die Erinnerung an dieses Erlebnis hat mich seitdem begleitet. Auch den Weg zur Schlucht hatte ich als großartig in Erinnerung: In einem Tal folgte ich dem Bachbett, in dem Dank unterirdischer Quellen stellenweise das ganze Jahr über Wasser zu finden ist und in dem daher viele Pflanzen wachsen, die Vögel anlocken. Eine kleine grüne, fast liebliche Wüstenoase mitten im schroffen Outback.

Diesen Ort meiner Erinnerung fand ich nicht wieder. Am 17. Januar 2019 hat rund um den Standley Chasm ein Buschfeuer gewütet, das schlimmste Feuer seit über 20 Jahren. Die Feuerwehr rückte an, um die Wohnhäuser und das Café zu schützen, was ihnen glücklicher Weise gelang, aber die Schrecken der Stunden waren dem jungen Mann noch deutlich anzumerken, der dort lebt und mir davon erzählte. Und das Feuer ist auch dem Tal deutlich anzusehen: Die niedrige grüne Vegetation ist weggebrannt, viele Bäume sind geschädigt oder bereits umgefallen, der einst rote Boden rußgefärbt.

Wie in vielen Ländern wird im Outback Australiens ein Buschbrand auch als etwas Reinigendes, Heilsames, Fruchtbarkeitsstiftenden empfunden und genutzt. Die alte Schönheit ist zerstört und macht in einem ewigen Kreislauf wieder Platz für Neues. Und tatsächlich: Nachdem ich mich von meinem ersten Schrecken und auch von meiner Enttäuschung etwas erholt hatte, began ich zu sehen, dass das Leben wieder Einzug in das Tal nimmt und es an vielen Stellen grün nachsprießt. Hier im Tal ist es schon wieder so wie überall in der Wüste: Wenn man genau hinschaut, bordet sie über vor Leben, Kraft und Schönheit.

Da der Chasm selbst vegetationslos ist, hatte das Feuer in der engen Schlucht keine Angriffsfläche. Bei meinem zweiten Besuch fehlte mir hier zwar der Zauber des ersten Mals, das Glückskribbeln der Entdeckung, der Segen des überraschenden perfekten Timings, aber ich stellte fest, dass es hier auch nach dem Mittagsleuchten wunderschön ist. Auf dem Rückweg sind wir noch einen auch für mich neuen Weg gegangen, auf dem ich ganz leicht neue Aussichten und Wunder entdecken konnte.

So wird es mir wohl mit allen Orten gehen, die ich in den nächsten Wochen wiedersehen werde. Die Orte werden sich verändert haben, aber mindestens genauso wichtig: Ich habe mich auch verändert. Ich bin zwar noch Dieselbe, aber eine zwei-Jahre-ältere Version meiner Selbst. Und dieses Mal habe ich mich mit Erfahrungen und Erwartungen auf den Weg gemacht. Diese Wüste ist mir, wenn auch noch längst nicht vertraut, doch zumindest bekannt. In diesem Bekannten wird sich Vertrautes wiederfinden lassen und es gibt auch noch viel Neues zu entdecken.

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