Ayers Rock erklimmen vs. Uluru kennenlernen

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Erinnerungen sind doch wirklich eine merkwürdige Sache: Erst vor zwei Jahren war ich am Uluru, dem Ayers Rock im Outback Australiens. Und ich hatte immer davon erzählt, dass es Idiot*innen gibt, die den Uluru erklimmen müssen, obwohl die Anangu, die Aboriginals, die in dieser Gegend wohnen, und denen das Land offiziell gehört, sehr nachdrücklich darum bitten, es nicht zu tun. Ich hatte auch kurz darüber geschrieben und natürlich meiner Reisegruppe davon erzählt. Als wir aber nun an den Uluru kamen, um unseren ersten Spaziergang an seinem Fuße zu unternehmen, war ich fast genauso überrascht wie meine Begleiter*in von dem Bild, das uns erwartete. Die Menschen stiegen im Gänsemarsch die Wand hinauf zum Gipfel. Manche saßen schon nach den ersten steilen Höhenmetern auf dem Felsen und kletterten rückwärts auf allen Vieren weiter hinauf. Hier staute sich dann der Zug wie am Gipfel des Mount Evererst.

All diese Menschen besteigen den Uluru, obwohl auch noch einmal direkt neben dem Zugang ein Schild steht, auf dem die Anangu darum bitten, nicht hinauf zu gehen. Das Ausmaß dieser Ignoranz, hatte ich bei meinem letzten Besuch bewusst nicht dokumentiert, weil es mich so empörte und ich ihm keine weitere Beachtung in meinem Leben zuweisen wollte. Inzwischen sind die Zahlen jedoch noch gestiegen. Und so war ich ebenfalls überrascht, von der tatsächlichen Masse dieser Ignorat*innen, auf die wir trafen.

Für die Anangu ist der Uluru ein sehr wichtiger Ort. Eine Ahnengeschichte aus der Schöpfungszeit findet hier statt und der Weg hinauf kreuzt diesen Traumpfad. In der Tradition der Anangu dürfen nur Männer, die ein bestimmtes Ritual durchgeführt haben, den Uluru erklimmen. Auch fühlen sich die Anangu verantwortlich für alle Gäste, die sich auf ihrem Land befinden, und wollen nicht, dass jemand zu Schaden kommt.

Der Aufstieg ist gefährlich und beschwerlich. 1,6 steile Kilometer müssen in der Wüstensonne direkt auf dem rutschigen Felsen überwunden werden. Durch die Millionen Fußtritte ist der Pfad noch glatter geworden. Es gibt keinerlei Schatten auf dem Weg nach oben. 37 Menschen sind seit den 1950er Jahren bei dem Versuch, den Uluru zu besteigen, ums Leben gekommen. Unzählige mussten gerettet werden, erlitten Herzinfarkte, Hitzeschläge oder verletzen sich schwer.

Trotzdem gehen täglich hunderte Tourist*innen, meist Australier*innen, hinauf. Warum sie das tun, war mir lange unbegreiflich. Inzwischen habe ich rausgefunden, dass der Aufstieg eine Art Mythos ist. Das australische Nationalmonument ist eine Institution; sie zu erklimmen, zu bezwingen der absolute Kick, ein Haken auf der Checkliste eines (weißen) australischen Lebens. Für mich zeigt dieses Verhalten deutlich, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Ersten Bewohner*innen immer noch nicht gesehen und respektiert werden.

Oft habe ich mich gefragt, warum es nicht einfach verboten ist, hinaufzusteigen. Mit Verboten tut man sich in Australien aber etwas schwerer als in anderen Länder. Außerdem glauben die Anangu, dass jede*r selbst für ihre/seine Taten verantwortlich ist. Sie informieren daher die Gäste über ihre Wünsche, in der Hoffnung, dass die Tourist*innen informierte Entscheidungen treffen. Was uns wieder zur Respektlosigkeit gegenüber der Anangu führt.

Jetzt soll jedoch am 26. Oktober 2019 der Aufstieg endlich für immer geschlossen werden.* Der Andrang auf den Uluru ist daher zurzeit besonders groß. Alle, die diesen Punkt noch auf ihrer Bucket-Liste abhaken wollen, müssen sich jetzt beeilen (hört ihr meine vor Zynismus triefende Stimme?).

Die Parkverwaltung hatte sich seit 2010 das Recht vorbehalten, den Aufstieg zu schließen, wenn einer von drei Gründen erfüllt sein würde: Weniger als 20% der Besucher*innen steigen noch hinauf, es gibt genug alternative Erlebnisse oder der Hauptreisegrund für Besucher*innen des Parks ist es, die Natur und die Kultur zu erleben. Leider mussten anscheinend doch erst alle drei dieser ökonomischen Gründe erfüllt sein, bevor der Aufstieg nun verboten wird.

Hinzu kommen noch ökologische Gründe: Tausende Menschen, die den Uluru besteigen, geben oben dem Druck ihrer Blasen nach und pinkeln auf den Felsen. Beim nächsten Regen wird der konzentrierte Rest abgespült und besonders in den beiden Hauptwasserlöchern am Fuße des Felsens gesammelt. Diese wichtigen Wasserquellen für die Tiere der Gegend sind dadurch erheblich verschmutzt und oft sogar ganz unbrauchbar. Auch lassen die Kletterer*innen ihren Müll unterwegs liegen und gefährden massiv den Bestand der Urzeit-Krebse, die noch am Uluru leben.

Da die Touristenzahlen im Nationalpark in den letzten Jahren insgesamt stark angestiegen sind, nur noch weniger als 20% dieser Besucher*innen hinaufklettern und viele weitere Attraktionen eingeführt wurden, geht das Parkkommittee nun davon aus, dass die Besuchszahlen nicht massiv von der Schließung des Aufstiegs beeinträchtigt werden. Und deshalb kommen die Anangu jetzt endlich zu ihrem Recht. Aus ökonomischen und ökologischen Gründen werden jetzt endlich die Religion, die Kultur und die Wünsche der Ersten Bewohner*innen respektiviert.

Für mich geht es hier am Uluru nicht um den Aufstieg, nicht um Kamelreiten, exklusives Freilicht-Dinner auf Plastikstühlchen oder um die Uluru-Umrundung auf Segways. Es geht darum, zu hören, zu schauen und zu verstehen. Dafür konnte ich mir bei meinem zweiten Besuch endlich viel Zeit nehmen. Wenn man hinschaut, sind die Schauplätze der Geschichten aus der Schöpfungszeit ganz deutlich zu entdecken und ich bekam eine Ahnung davon, was dieser Ort für die Menschen hier bedeutet. Bei einer Wanderung um den Uluru dreht sich die Welt ein bisschen langsamer. Abseits des Trubels ist es ganz ruhig. Nur der Wind und die Vögel rascheln durch die Blätter der Bäume.

Bei meinem ersten Besuch sind mir ebenfalls die Felszeichnungen entgangen, deren Überreste es hier zu bewundern gibt. Leider ist auch hier der respektlose Umgang früherer Besucher*innen deutlich, denn bevor es unsere heutigen Superkameras gab, schütteten Tourguides Wasser auf die Zeichnungen, damit diese auf den Fotos der Tourist*innen ordentlich leuchteten. Damit wurden viele dieser Kunstschätze zerstört und andere stark beschädigt. Aber man sieht noch immer, wie schön sie gewesen sein müssen!

Als ich uns bei unserer Ankunft am Uluru im Hotel eincheckte und erwähnte, dass ich zum zweiten Mal hier sei, war die Rezeptionistin etwas verblüfft. Das sei wirklich sehr ungewöhnlich, erklärte sie mir. Eine Reise zum Uluru sei doch schließlich ein einmaliges Erlebnis, a once in a lifetime experience. Aha. Ja, wenn man es richtig macht, reicht es vielleicht für ein ganzes Leben. Aber ich war beim ersten Mal zu kurz hier; mir hatte es noch nicht gereicht. Doch auch bei meinem kurzen Stopover hatte ich gespürt, dass es hier mehr gibt, als nur einen Haken auf einer Bucket-Liste zu setzen.

Der Uluru ist ein besonderer Ort, dessen Ruhe das Herz berühren kann, wenn man es zulässt. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich wiederkommen konnte und erahnen durfte, was dieser Ort bedeutet.

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*** Dieser Beitrag stammt aus dem August 2019. Bevor ich die Fotos fertig eingefügt hatte und den Post veröffentlichen konnte, hat mich eine Gehirnerschütterung monatelang aus dem Verkehr gezogen. Und dann stand Australien aus anderen Gründen zu sehr im Fokus unserer Aufmerksamkeit, als dass mir die Veröffentlichung meiner Urlaubsgedanken passend erschienen wäre. ***



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