Zwischen den Welten

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Ist jemals jemand im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte in so ein Weltreise-Abenteuer gestartet? Also, ich meine: im vollen Bewusstsein, was man da im Begriff ist zu tun? Mir kommt es grade so vor, als würde mich mein Hirn vor solch großen Erkenntnissen schützen. Ich bekomme es einfach nicht zu fassen – neun Monate, in denen ich mein Leben zuhause verpassen und stattdessen täglich Neues erleben werde. Und in vielen Momenten will ich das wohl auch gar nicht erfassen können. Ich kann meine Reise in den ersten Stationen überblicken: zwei Wochen südliches Afrika, drei Wochen Nepal, drei Wochen Myanmar – das ist so wie Urlaub, das verstehe ich. An das, was danach kommen soll, kann ich nur sehr abstrakt denken.

Versteht mich nicht falsch: Ich freue mich auf jede einzelne Station und ich freue mich, dass ich endlich, endlich unterwegs bin. Aber in den letzten Tagen vor der Abreise habe ich mich auch schon auf die Wiedersehen mit Menschen, von denen ich mich teilweise noch gar nicht verabschiedet hatte, gefreut. Und auf meine nächste Party in meiner Wohnung. Abschiedsschmerz nennt man das wohl. Und Heimat.

Als ich gestern Abend zum Flughafen fuhr, sah ich wie zum Abschied im Edertal eine Schar Kanadagänse neben den Gleisen. Kurz hinter Marburg kamen mir dann noch Kraniche entgegen. Rufen hören konnte ich sie nicht. Und trotzdem soll ich die jetzt also eine Saison lang verpassen. Der Gedanke an all die aufregenden Tiere, die ich demnächst so sehen werde, war kein Trost. Albern, ja, ich weiß, aber so ist das mit diesem Herzen.

Später hat sie mich dann doch noch überrollt, die Erkenntnis meines Glücks. „Was das für ein Privileg ist, das du jetzt genießen darfst“ hat mein Lieblingsonkel die Tage gesagt. Und ja: Das ist es! Ich habe die Wurzeln und die Freiheit, um mich in dieses Abenteuer stürzen zu können. Und ich bin mir bewusst, dass das ein großes Privileg ist.

Der Flug hat geholfen, aber es wird wohl noch ein paar Tage dauern, bis ich im Abenteuer ankommen werde und mich mein Reisealltag absorbiert. Und das soll passieren. Bei all der Trauer über die Menschen, die mir fehlen, werde ich den Spagat im Kopf schaffen zwischen Heimat und Abenteuer. Sonst sollte ich wohl auch lieber wieder nach Hause fahren.