Zu Besuch bei den Buckelwalen

Eingetragen bei: Ozeanien, Tonga | 4

Lieber Noah,

heute war es endlich, endlich soweit: Ich bin in Tonga mit den Buckelwalen geschwommen! Da du in den letzten Monaten diesem Tag fast genauso entgegen gefiebert und dich darauf gefreut hast wie ich, will ich dir auch gleich erzählen, wie es war: Es war gigantisch!

Ich hatte dir ja bei meinem letzten Besuch bei euch erzählt, dass ich seit sehr langem davon träume, einmal in Tonga mit Buckelwalen zu schwimmen und diesen Traum auf meiner großen Reise endlich wahrmachen wollte. Weil ich schon so lange davon geträumt habe, hatte ich bis zur letzten Minute ein ganz kleines bisschen Angst, dass etwas dazwischen kommen könnte und ich dann sehr enttäuscht sein würde. Deshalb war ich sehr froh, dass du und deine ganze Familie im Kopf mit mir gereist seid und euch quasi für mich auf Tonga und die Wale gefreut habt. Ich habe mich das nämlich manchmal nicht getraut. Gut, wenn man in einer solchen Situation Freunde hat.

Es ging auch wirklich sehr holprig los mit mir und Tonga, aber das ist ja eine ganz andere Geschichte. Zurück zu den Walen: Wir trafen uns morgens um halb neun am Hafen von Nuku’alofa. Das ist die Hauptstadt von Tonga auf der Insel Tongatapu – aber wie ich dich kenne, weißt du ja bestimmt inzwischen längst. Rund um Tonga bringen die großen Buckelwale jedes Jahr ihren Nachwuchs zur Welt und paaren sich, bevor sie wieder zurück in die Antarktis schwimmen. Und genau in dieser Zeit war ich in Tonga.

Von Nuku’alofa aus fuhren wir hinauf aufs offene Meer. Nach einer kurzen Schnorchelprüfung an einem wunderschönen Korallengarten, die ich nach meinem vielen Training in den letzten Wochen leicht bestand, machten wir uns auf die Suche nach den Walen. Es dauerte auch gar nicht lange, da tauchte der gerundete Rücken eines atmend Wals in der Nähe unseres Bootes auf. Und noch einer. Und noch einer. Insgesamt sieben Wale schwammen in dieser Gruppe. Ich war hin und weg. Meine ersten Buckelwale und dann auch noch so viele! Sogar zwei Babys hatte ich erkennen können.

Wir machten uns schnell mit unserer Schnorchelausrüstung bereit und sprangen zusammen ins Wasser. Mir klopfte dabei mein Herz vor Freude ganz laut. Ich sah drei große Wale unter mir hinweg schwimmen und lautlos in der blauen Weite des Meeres vor mir verschwinden. Mensch, Noah! Dafür hätte sich das lange Träumen und die weite Reise schon gelohnt. Aber es wurde noch viel besser.

Wir trafen diese sieben Wale kurz danach noch einmal, aber auch diesmal hatten sie offensichtlich so viel Spaß miteinander, dass sie keine Lust hatten,  mit uns zu schwimmen. Einer kam beim Atmen in voller Geschwindigkeit so dicht an unser Boot, dass wir alle die Luft anhielten. Wir sprangen zwar schnell ins Wasser und sahen noch einen von ihnen dicht vor uns Luft holen, aber dann schwamm die Gruppe schnell weiter.

Als wir zum dritten Mal ins Wasser sprangen, waren dort große zwei Wale – und die mochten uns! Wir blieben eine dreiviertel Stunde bei ihnen. Sie lagen gemütlich unter uns im Wasser und tauchten immer mal wieder zum Luftholen auf. Dabei kamen sie uns richtig nah. Wir konnten gut die Seepocken auf ihren Finnen sehen und die kleinen Fische, die sich an ihren Bäuchen festgeknabbert hatten. Als ich grade direkt über dem Rücken des einen Wals schwamm und zu ihm hinunter blickte, stieg er plötzlich senkrecht nach oben auf. Vor Schreck wusste ich fast gar nicht, wohin ich so schnell ausweichen sollte. Ich schwamm zur Seite weg, weil das ja der kürzeste Weg ist, und drehte dann nach hinten weg. Die Fluke (Schwanzflosse) zog direkt vor mir durchs Wasser und ich hatte das Gefühl, ich hätte sie berühren können, wenn ich die Hand ausgestreckt hätte. Stimmt aber bestimmt nicht. Unter Wasser lassen sich Entfernungen schlecht einschätzen. Der Wal hat bestimmt selbst dafür gesorgt, dass er mir nicht zu nahe kommt. Schließlich kennt er sich viel besser aus im Wasser als ich.

Als ich wieder an Bord unseres Bootes kletterte, war ich sehr glücklich und ein bisschen erschöpft. Zum Glück fuhren wir zu einer kleinen Insel bei unserer tollen Schnorchelstelle und schwammen an Land. Auf der wunderschönen Südseeinsel aßen wir dann zu Mittag. Das Essen war von unserem Guide in einer großen schwimmenden Kiste vom Boot an Land gebracht worden.

Nach dem Mittagessen trödelten wir noch ein bisschen am Strand rum und schnorchelten. Dann fuhren wir wieder raus. Wir fanden noch einmal zwei Wale – ein Männchen und ein Weibchen -, die ganz entspannt im Meer rumlagen und sich entschieden, bei uns zu bleiben. Das Weibchen kam einmal auf uns zu und tauchte dann unter, drehte sich unter uns auf den Bauch und es sah aus, als würde sie uns mit ihrem Flipper (Seitenflosse) zuwinken. Das war lustig.

Das Männchen kam immer wieder zu uns, um uns im Auge zu behalten. Einmal kam er so nah an mich heran und verharrte dort, so dass ich genau wusste, er sieht mich mit seinem großen rechten Auge an. Seinen Blick konnte ich im ganzen Körper bis in die Zehen spüren. Ich kann dir sagen, Noah: Wenn du glaubst, deine Mama kann manchmal furchtbar kritisch gucken, dann ist das nichts im Vergleich zu einem Walblick.

Die beiden Wale schwammen immer mal ein bisschen durch die Gegend, aber blieben immer in unserer Nähe. In dem tiefen Blau des Meeres verlor ich sie manchmal aus den Augen, besonders wenn sie nach dem Atmen mit ihren großen Fluken Luftblässchen im Wasser hinterließen. In so einer Luftblässchenwolke können selbst große Wale prima verschwinden. Als ich mich einmal auf das Weibchen unter mir konzentrierte und froh war, es überhaupt wiedergefunden zu haben, kam plötzlich von rechts das Männchen herangeschwommen und flitzte direkt vor meiner Nase durch das Wasser. Da habe ich einen Schrecken bekommen! Und ich wette, er hat sich ins Fäustchen gelacht.

Überhaupt sind diese Wale so furchtbar klug – und das konnte ich in ihrer Nähe richtig fühlen. Ich habe mich manchmal gefragt, was sie wohl über uns denken, denn dass sie denken ist offensichtlich. Sie wussten auch stets genau, dass wir da waren und sie hätten uns niemals aus Versehen berührt. Sie wissen genau, was sie tun. Wenn wir sie so nah sehen konnten, dann nur, weil sie es auch wollten, weil sie es uns erlaubten. Sie hätten jederzeit einfach wegschwimmen oder abtauchen können und wir hätten keine Chance gehabt, ihnen zu folgen.

Buckelwale sind nicht nur klug, freundlich und schnell, sie sind auch sehr musikalisch. Na gut, eigentlich müsste ich sagen: kommunikativ, denn alle Wale unterhalten sich unter Wasser. Für uns klingt das wie Singen und Buckelwale können das besonders schön. Was sie sagen, können wir Menschen leider noch nicht verstehen, aber als ich meinen Kopf ein bisschen unter Wasser tauchte, konnte ich die Wale auch singen hören.

Hör mal, so ungefähr können Buckelwale klingen:

Zum Abschluss unseres wunderbaren Tages fuhren wir noch einmal zu dem Korallengarten zurück, wo wir uns beim Schnorcheln über den Korrallen und Anemonen noch ein bisschen mit den kleinen bunten Fischen entspannen und alle unsere Erlebnisse sacken lassen konnten.

Mensch, Noah! Was ich für einen wunderschönen Tag hatte! Die letzen Tage waren bedeckt, regnerisch und windig. Auch für morgen ist wieder ungemütliches Wetter angesagt. Aber heute, ausgerechnet an meinem Walausflugstag herrschten perfekte Bedingungen. Es war sonnig und das Meer ganz ruhig, so dass wir die Wale gut sehen konnten. Und wie freundlich und wunderschön sie waren! Ich kann kaum glauben, wie viel Glück ich hatte. Schöner hätte ich mir diesen Tag nicht erträumen können. Was für eine perfekte Erfüllung meines großen Traumes!

Was ist dein großer Traum, lieber Noah? Das erzählst du mir hoffentlich, wenn wir uns im Dezember sehen. Bis dahin grüßt dich aus der Südsee ganz herzlich

deine Silke

4 Responses

  1. Nicki

    We’re loving it!!! Und freuen uns, dass wir jetzt doch ziemlich dabei waren. Das lange Warten hat sich gelohnt.
    Jemand hat sich sehr gefreut, dass er so persönlich bedacht wurde!! Danke!

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