30 abenteuerliche Stunden in Myanmar

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Es fing so harmlos an. Nach der Fahrradtour am ersten Tag in Bago wollte ich am zweiten Tag ein bisschen schneller vorwärts kommen. Schließlich gibt es noch viel zu sehen. Ich lieh mir also am Hotel ein Motorrad aus.

Ehrlich gesagt, hatte ich erwartet, dass diese mini Dinger Automatik sind wie ein Roller, aber sehr viel darüber nachgedacht hatte ich nicht. Als das kleine Motorrad vorgefahren wurde, stellte sich heraus, dass ich schalten muss. Aha. Kann ja nicht so schwer sein, wenn ich mir überlege, wer alles so Motorradfahren kann. Der Anfang war zwar etwas stockend, aber eigentlich ging es ganz gut. Da meine Mama mitliest, sollte ich nicht erwähnen, dass die Handbremse nicht so richtig zog, aber die sollte ich laut Anweisung eh nicht nehmen, sondern die Fußbremse rechts, die so lustige Geräusche beim Treten machte. Helm? Guter Witz!

Ich düste also durch die Gegend, sah mir Pagoden, Tempel, Klöster und Buddhas an, fuhr ein bisschen kreuz und quer und kam schließlich zur Shwemawdaw Pagode. Geilerweise darf man an viele Sehenswürdigkeiten mit den Motorrädern viel näher heranfahren, als man mit Schuhen hinlaufen darf. Ich zog mir meine Schuhe also erst oben am Motorradparkplatz aus und ließ sie – wie alle anderen – dort stehen. An der offiziellen Schuhstelle weiter unten am Berg war ich schließlich schon vorbeigebraust.

Ich besichtigte die Pagode, dabei peinlich genau darauf bedacht, den kürzesten Weg zwischen zwei Schattenplätzen zu nehmen und unterwegs nicht zu bummeln oder gar stehenzubleiben. So Fliesen und Betonplatten können sich nämlich ganz schön aufheizen!

Als ich zu meinem Motorrad zurückkehrte, wischte ich mir den dreckigen rechten Fuß mit einem Feuchttuch sauber und als ich mich auf einen Fuß balancierend nach meinem Schuh bücken wollte, stellte ich fest, dass mein rechter Schuh nicht mehr dort stand.

Ich sah mich suchend um, blickte hinter die anderen Motorräder, hinter ein Blech, das an der Wand lehnte, und ging schließlich zum Eingang. Die Dame dort kam mir auch schon entgegen. Ich schilderte meine Situation. Dann gingen wir gemeinsam zu meinem Motorrad, denn schließlich war ich ja vielleicht nur ein bisschen blind gewesen.

Die Dame fand meinen geliebten lila Laufschuhe aber auch nicht und fragte, ob ich mit jetzt neue Schuhe kaufen wolle. Könne ich gleich um die Ecke. Ich sagte nö, eigentlich wolle ich meinen Schuh zurückerhalten. Sie sah mich etwas skeptisch an und sagte, Flipflop seien doch so praktisch. Ob sie mir den Laden mit den Schuhen zeigen solle. Ich wiederholte, dass ich die Hoffnung meinen zweiten Schuh wiederzusehen noch nicht aufgegeben hätte. Wir gingen zu ihrem Häuschen, denn sie wollte mal ihre Kollegen fragen. Und sieh an: einer ihrer Kollegen hatte einen lila Schuh im Zaun stecken sehen.

Ein schwarzer Hund hatte ihn sich offensichtlich geschnappt und war mit ihm von dannen gezogen. Anscheinend hatte mein Schuh dann aber nicht quer im Maul durch den Gitterzaun gepasst und war stecken geblieben. Mein geliebter lila Laufschuh machte noch einen ganz passablen Eindruck. Und so genau wollte ich es auch gar nicht wissen. Wir drei (rechts, links und ich) waren wieder vereint!

Ich fuhr noch ein paar sitzende Buddhas besuchen und anschließend zum Hotel zurück. Da ich bis zur Abfahrt meines Nachtzuges noch vier Stunden Zeit hatte, saß ich ein bisschen in der Lobby rum und aß anschließend noch einen leckeren myanmarnesischem Nudelsalat. Ein kulinarisches Abenteuer, das ich gerne einmal wiederholen würde.

Dann schlug die Rezepzionistin vor, mal beim Bahnhof anzurufen, ob mein Zug denn pünktlich sei. Dabei stellte sich heraus, dass der Zug – entgegen aller Voraussagen – ausgebucht war. Stehplätze in der normalen Klasse gäbe es noch. Schluck. Alternative könne ich morgen Früh fahren, müsse dann nachts einige Stunden irgendwo verbringen und sei am übernächsten Mittag am Ziel.

Die wundervolle Rezeptionistin schlug dann vor, mal nach Nachtbussen zu telefonieren. Tatsächlich fand sie einen, der noch Platz hatte und in 20 Minuten am Busbahnhof abfahren sollte. Er sollte um vier Uhr nachmittags (p.m.) an meinem Ziel sein. Das klang super, denn das war ungefähr so lange, wie der Zug auch gebraucht hätte und da hätte ich morgens umsteigen müssen. Sie stellte mir einen Reservierungsschein aus und ich sprang begeistert ins TukTuk.

Ich stieg auch begeistert in den Bus, froh darüber, dass ich schon zum zweiten Mal an einem Tag so unverschämtes Glück gehabt hatte. Im Bus jammerte ich meine FreundInnen virtuell ein bisschen voll, dass ich jetzt 22 Stunden im Bus sitzen müsse, fand die Vorstellung aber irgendwie gemütlich und schlief ein. Beim Dinner-Stopp besorgte ich mir Bananen zum Abendessen, eingelegte Mangos fürs Frühstück und ein Bier zum Weiterschlafen. Das tat ich dann auch mehr oder weniger gut.

Um kurz nach drei Uhr wurde ich unsanft geweckt. Der Busbegleiter sagte: „Get out, get out!“ Und machte Anstalten meinen Rucksack aus dem Bus zu werfen. Schlaftrunken begriff ich langsam, dass ich angeblich am Ziel sein sollte. Mitten in der Nacht. Nachdem Google Maps mir das tatsächlich bestätigt hatte, fand ich mich mitten in der Nacht auf dem Bürgersteig einer unbekannten Stadt umringt von williger Motorrad-Taxi-Fahrern. So viel zum Thema „4 p.m.“.

Nachdem ich herausgesucht hatte, wie mein Hotel eigentlich hieß und wo es lag, weigerte ich mich den absurd hohen Preis für die drei Kilometer auf den unbequemen Motorrädern zu zahlen. Außerdem hatte ich kein Interesse daran, schnell zum Hotel zu kommen. Was sollte ich da mitten in der Nacht? Ich schulterte also meinen Rucksack und ging los. Was waren schon drei Kilometer in dieser kühlen, trockenen Nacht?

Was ich bei meinem tollkühnen Plan vergessen hatte, waren die streunenden Hunde, die nachts die Straßen Myanmars patrouillieren. Zum Glück traf ich aber nur auf Kläffer und Angeber, die ich mit entschlossenem Gegenübertreten in die Flucht schlagen oder zumindest auf Abstand halten konnte. Meine Notpfeife, die ich genau für so einen Einsatz aus Deutschland hergeschleppt hatte, war sicher verstaut in den Tiefen meines Rucksacks.

Meine Stirnlampe hatte ich aber glücklicher Weise griffbereit – kann man in so einem Nachtzug schließlich immer mal brauchen, hatte ich gedacht. Dank ihr gelang ich sicher und verirrungsfrei durch die Stadt und den dunklen Berg hinauf zu meinem Hotel.

Dort war vom Nachtwächter weit und breit nichts zu sehen. Glücklicherweise auch von keinem Hund und keinem Schloss am großen Tor und so gelang es mir, den Riegel zurückzuschieben und mich selbst auf das Gelände einzulassen. Ich kaperte mir einen Bambusliegestuhl und machte es mir gemütlich.

30 Minuten später kam der (leicht erstaunte) Nachtwächter mit zwei jungen Herren im Schlepptau, brachte uns alle in den Gemeinschaftsraum, wo wir auf dem Holzbänken ein bisschen weiterschlafen konnten.

Um sechs lernten wir den netten belgischen Besitzer des Hotels kennen, um sieben durfte ich wunderbar am Buffet frühstücken, um neun hatte ich mein Zimmer bezogen und um zehn machte ich mich auf zu einer kleinen Wanderung zur acht Kilometer entfernten Myin-Ma-Hti Höhle, in der in einem verzweigten Höhlensystem tausende Buddhas stehen.

Auf dem Rückweg entdeckte ich im Wald Rauchschwaden am Hang. Ich kletterte den Hang hinauf und fand einen Baumstamm, der an einem Ende angekokelt war. In ihm glühte es und er qualmte. Na toll. Und das in diesem trockenem Wald. Ich trat die verkohlten Stücke ab und leerte anschließend mein restliches Wasser über die Glut. Es zischte und dampfte, aber tatsächlich war es danach besser. Ich vergewisserte mich noch, dass kein trockenes Laub in unmittelbarer Umgebung war, markierte meinen Standort in meiner GPS-App, machte ein Foto und ging weiter Richtung Hotel.

Auf den verbleibenden Kilometern dachte ich kopfschüttelnd über die letzten dreißig Stunden nach und beschloss, erst einmal einen Pausetag einzulegen. Ich entschied außerdem die Strecke zum InleSee nicht wie ursprünglich geplant in drei Tagesetappen zu wandern, sondern mit dem Zug und einem PickUp zurückzulegen. Ich hatte erst einmal genug Abenteuer erlebt.

PS: Später stellte sich heraus, dass die Bauern hier regelmäßig das Unterholz brandroden und kein Löschtrupp zu meinem kokelnden Stamm geschickt werden musste. Außerdem traf ich die Kanadier wieder, die die Trekkingtour unternommen hatten, und erfuhr, dass acht von zehn Teilnehmern das Essen am ersten Abend nicht vertragen und auf der restlichen Tour noch viel „Spaß“ mit den Nachwirkungen gehabt hatten. So richtig viel scheine ich nicht verpasst zu haben.