Straßenverkehr in Nepal

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Ich habe meinen Führerschein nicht verdient. Okay, ich kenne die deutschen Vorfahrtsregeln und kann rückwärts-seitwärts einpacken, aber als ich spontan die Möglichkeit bekam, auf einer der schmalen, ungesicherten Holperpisten Nepals zu fahren, habe ich dankend abgelehnt. Für das scharrende Geräusch der Felsbrocken unter dem Auto oder für den nächsten Kratzer an der Seitentür wollte ich nicht verantwortlich sein. Was weiß ich denn, wie breit so ein Auto wirklich ist?

Und das muss man hier genau wissen! Wenn hier zwei Fahrzeuge aneinander vorbeifahren, geht es um Zentimeter – zur Felswand, zum Graben, zum anderen Auto oder auch zum Abgrund. Auch auf den engen Straßen in den Bergen oder in den Gassen der Altstadt Kathmandus kommen einem nicht nur Motorräder und Fußgänger entgegen, sondern auch Tatas, Trecker mit Anhänger und – mein nepalesisches Verkehrshighlight – Schaufelbagger. Die Präzision der Fahrer beeindruckt mich dabei schwer.

Zugegeben: Die Fahrer hier fahren keinen geerbten A2, an dem viele Erinnerungen hängen, sondern robuste Fahrzeuge, die nach dem aussehen, was sie können. Außerdem fahren die Autos hier nicht sehr schnell. Können sie auf den Holperpisten und Sandwegen auch gar nicht. Aber man muss die Dimensionen des eigenen Fahrzeugs genau abschätzen können – in alle Richtungen. Und dabei lernt man wohl zwangsläufig auch gut zu fahren.

Fahrspuren scheinen keine besondere Relevanz zu haben. Die Frage ist lediglich, wie viele Autos, LKW, Roller, Motorräder, Busse und TukTuks nebeinander passen. Es gibt Gassen, bei denen ich dachte, da passt kein Auto durch. Und dann passten ein Lkw und ein Auto nebeneinander vorbei. Dazwischen auch auf den Hauptstraßen noch Fußgänger, Fahrräder, Kühe und Menschen mit Handkarren. Und irgendwo ein Polizist, der vorgibt, das Chaos zu dirigieren.

Hupen und Blinken haben hier ganz eigene, ungeahnte Bedeutungen, doch empfand ich den Verkehr auch in Kathmandu nie aggressiv. Hier überholt man einfach hupend, wenn man vorbei will; nicht nur, um zu sagen: „Platz da“, sondern auch, um die anderen Verkehrsteilnehmer auf einen aufmerksam zu machen. Die anderen haben schließlich auch Bremsen. Und Hupen.

Als Fußgänger in Kathmandu habe ich schnell begriffen, dass der Trick ist, einfach weiterzugehen. Das ist das, was die anderen Verkehrsteilnehmer erwarten. Bleibt man hingegen stehen – um dem Verkehr auszuweichen oder um ein Foto zu machen – bringt man alles durcheinander. Auch sollte man beim Überqueren der Straße nicht in Richtung der herannahenden Autos blicken. Die scheinen dann zu denken, man habe sie im Auge und geben die Verantwortung ab.

Letztendlich ist es so, wie mir ein erfahrener nepalesischer Fahrer sagte: Wer Angst hat, wird garantiert einen Unfall bauen, schon alleine, weil hier niemand defensives Fahren erwartet. Wer Angst hat, darf hier nicht Autofahren. Aber wovor sollte man auch Angst haben? Es läuft ja erstaunlich gut. Also immer mutig drauf los! Beim nächsten Mal probiere ich es aus. Erst auf der Schotterpiste, dann auf Kathmandus Ringroad. What could possibly go wrong?



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