Flussfahrer und Waldmenschen im Dschungel Borneos

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An meinem ersten Morgen in Jakarta hatte ich grade mein Hotel verlängert und meinen Tagesrucksack gepackt, um die indonesische Hauptstadt zu erkunden – da bekam ich einen Anruf. Ob ich bis abends in Pangkalan Bun sein könne, fragte Aria. Es sei da kurzfristig ein Platz auf einem Klotok frei geworden, das morgen Früh für drei Tage in den Tanjung-Puting aufbrechen würde.

Ja, ja, ja! Das konnte ich bestimmt. Schließlich war ich eigentlich eh nur nach Indonesien gekommen, um auf Borneo (oder Kalimantan, wie der indonesische Teil Borneos heißt) mit einem zweistöckigen Holzboot (= Klotok) durch den Dschungel zu fahren und dort Orang-Utans zu sehen. Alle meine bisherigen Anfragen bei Bootsbesitzern (u.a. bei Aria) waren jedoch im Sande verlaufen. Es sei Hauptsaison, alle Boote ausgebucht, frühestens in vier Wochen vielleicht, wahrscheinlich eher in sechs, hatte man mir gesagt. Und jetzt das!

Ich stornierte das Hotel in Jakarta, buchte mir einen Flug nach Pangkalan Bun, packte meine Sachen und düste zum Flughafen. Am späten Nachmittag kam ich im Süd-Westen Borneos an, wurde gleich am Flughafen abgeholt und saß zum Sonnenuntergang am Fluss.

Am nächsten Morgen ging es endlich los! Schon bei der Einfahrt in den Sekonyer-Fluss sahen wir Flussdelfine. Delfine! Mit denen hatte ich gar nicht gerechnet. Wenige Kilometer den Fluss hinauf, hielt unser Klotok wieder an: direkt am Ufer, keine zwei Meter entfernt von uns, saß ein junger männlicher Orang-Utan und aß eine Frucht.

Als wir kurz danach noch ein Krokodil und Nasenaffen sahen, hatte ich das Gefühl, dass wir eigentlich wieder umkehren könnten. Ich hatte gesehen, wofür ich gekommen war. Konnte es denn noch besser werden? Ja, das konnte es.

In diesem Teil Kalimantans befinden sich drei Orang-Utan-Auswilderungs- und Forschungsstationen. Einmal täglich werden hier Bananen ausgelegt, um die ausgewilderten Orang-Utans anzulocken. Und das ist natürlich eine wunderbare Gelegenheit, um sie aus der Nähe zu betrachten.

Gleich am ersten Nachmittag steuerten wir das erste Camp an. Vom Informationsgebäude aus mussten wir noch eine Weile durch den Dschungel spazieren, um den Platz der Fütterung zu erreichen. Das war schon aufregend, schließlich konnten die Menschenaffen direkt um uns herum sein. Wir kamen aber ohne Affenbegegnung am Futterplatz an. Und dann saßen wir da und warteten.

Ich hatte wohl erwartet, dass die Affen quasi einer inneren Uhr folgend pünktlich zur Fütterung erscheinen würden. Bühne bereit, Vorhang auf, Auftritt rechts: der Alpha. Aber dem war nicht so. Ich hatte auf einem Schild gelesen, dass es durchaus vorkommen kann, dass die Orang-Utans keine Lust haben, überhaupt vorbeizuspazieren. Sie sind auf das Futter nicht angewiesen. Typisch, dachte ich; Wenn ich da bin, lässt sich kein Tier blicken. War ja klar.

Nach einer Ewigkeit, die aber nur neunzig Minuten lang war, sah ich die Baumwipfel in der Ferne in Bewegung geraten. Hatte ich erwartet, die Menschenaffen würden plötzlich aus dem Unterholz hervortreten und auf das Podest des Futterplatzes klettern, so wurde ich nun eines Besseren belehrt. Schon von weitem sah ich sie kommen, wie sie sich von Ast zu Ast hangelten. Was für ein erhabener Anblick!

Orang-Utans sind quasi Einzelgänger. Sie leben maximal zu zweit oder zu dritt – eine Mutter mit bis zu zwei Kindern. Im größeren Verbund, der in einem Gebiet wohnt, haben aber alle Tiere ihren Platz. Es war spannend zu beobachten, wann welcher Affe sich Bananen abholen durfte. Der Alpha machte einen auf dicke Hose und blockierte das Podest lang, ohne etwas zu essen. Ganz offensichtlich genoss er seinen Moment der Macht.

Am zweiten Tag besuchtem wir die beiden anderen Camps, darunter das legendäre Camp Leakey. Hier war es tatsächlich besonders spektakulär. Eins der Männchen tauchte plötzlich in unserem Rücken auf und hatte dann seinen großen Auftritt durchs Publikum. Wenig später seilte sich ein Weibchen von oben herab ab und saß auf einer der Zuschauerbänke mitten unter uns. Und auf dem Rückweg mussten wir uns durchs Gebüsch schlagen, weil eine Mutter mit ihrem Nachwuchs den Weg blockierte. Orang-Utans haben hier immer Vorfahr.

Nachts wurden Matratzen und Moskitonetze an Deck unseres Klotoks ausgebreitet und wir schliefen einsam am Ufer des Sekonyer-Flusses mitten im Dschungel. Es ist erstaunlich, wie leise der Dschungel nachts ist. War am Abend noch ein ohrenbetäubernder Lärm der Insekten zu hören gewesen, so lag nachts Stille über den Baumwipfeln, höchstens einmal unterbrochen durch aufgeregtes Zetern von Makaken. Am ersten Abend machten wir eine Nachtwanderung und sahen dabei vor allem Tarantulas und andere Spinnen. Tja, die machen wohl auch nicht so viel Lärm.

Was mich auch erstaunte, war, dass ich bei unserer dreitägigen Bootsfahrt kaum Vögel sah oder hörte. Einen grünen Papagei und einen blauen Eisvogel, außerdem einige spatzengroße braune Vögel, das war es schon. Dschungel hatte ich mir auch diesbezüglich anders vorgestellt.

Was ich stattdessen bekam: zwei neue Herzenmenschen aus Barcelona, Katalonien. Es ist doch erstaunlich, wie man immer wieder sofort mit Menschen klickt. Ich freue mich jetzt umso mehr auf meinen geplanten Spanischsprachkurs, weil er mir die Tür zu ihrer Welt noch weiter öffnen wird.

Mit den Orang-Utans und mir hat es auch sofort geklickt. Ist es nicht verblüffend, was sie für lange und kräftige Arme haben? Und dass die männlichen Tiere bis zu 90 Kilo durch die Wipfel schwingen, ohne die Äste abzubrechen? Könnte ich also theoretisch auch lernen. Die Affen können das schließlich auch nicht von Anfang an: Ich beobachtete die Bruchlandung eines jungen Männchens, der sich bei der Stabilität der Zweige wohl etwas verschätzt hatte.

Orang-Utan bedeutet Waldmensch. Gar nicht erstaunlich eigentlich, dass man sie nicht hört, wenn sie sich Mühe geben. Überrascht hat mich hingegen, wie laut sie sind, wenn es ihnen egal ist, ob man sie hört. Und wie hübsch ihre Füße sind. Und wie rot ihr braunes Tarnfell in der Sonne leuchtet.

Früher gab es übrigens in ganz Südostasien Orang-Utans. Heute leben sie nur noch auf Sumatra und auf Borneo. Seit 1950 ist ihr Bestand auch hier um 60% zurückgegangen. Dank Schutzprogrammen und eines Abholzungstopps soll ihre Zahl jetzt stabil sein. Diese Affen sind sehr schlecht darin, sich an einen neuen Lebensstil zu gewöhnen, wenn wir ihnen den Lebensraum unter den Händen abholzen, um Palmölplantagen hochzuziehen. Sie bauen sich jede Nacht ein neues Nest, brauchen viel pflanzliche Nahrung und investieren pro Nachwuchs sechs bis acht Jahre. Das macht sie zu den tierischen Säugetieren mit der längsten Erziehungsphase der Welt. Vielleicht ginge es schneller, wenn die Männer sich beteiligen würden? Tun sie aber nicht.

Unsere Tage auf dem Klotok und mit den Orang-Urans im UNESCO Biosphärenreservat Tanjung-Puting flogen vorbei und viel zu schnell fuhren wir wieder zurück gen Zivilisation. Dabei beobachteten wir, wie sich an der Mündung des Sekonyer die Farbe des Wassers von Milchkaffeebraun zu schwarzem Tee änderte. Das hat mit den Minen weiter oben am Fluss zu tun, ist aber noch einmal ein neues Aufregerthema. Und wie soll man sich in Gegenwart dieser sanften Waldmenschen aufregen? So nehme ich vor allem meine neuentdeckte Faszination für diese Giganten der Wipfel mit zurück in die Zivilisation.

3 Responses

  1. Nicki

    Also mich hast Du mit Deiner Faszination angesteckt! Was für großartige Bilder!!