Killing Fields: Der höllische Friedhof der Roten Khmer

Eingetragen bei: Asien, Kambodscha | 1

Morgens hatte ich noch verkündet: „Ich schwänze die Killing Fields. Mir hat der Killing Cave in Battambang echt gereicht. Bäume mit Gehirnmasse von daran erschlagenen Babys muss ich mir heute nicht geben“. Zwei Stunden später finde ich mich in einen TukTuk mitten im Chaos-Stau Phnom Penhs – doch auf dem Weg zu den Killing Fields.

Es stimmt: Ohne die Killing Fields besucht zu haben, kann man die Kambodschaner nicht verstehen. Ich will mich nicht vor ihrer grausamen Vergangenheit drücken.

Die Killing Fields Choeung Ek in der Nähe der Hauptstadt Phnom Penh sind eine der Gedenkstätten für die Millionen Kambodschaner, die auf grausamste Weise durch die Rote Khmer getötet wurden. Die einzelnen Stationen sind durch einen Audioguide, Informationstafeln und Schaukästen erschlossen.

Schon beim Betreten des Areals habe ich Tränen in den Augen. Mehr als ein Viertel aller Menschen dieses Landes wurde in weniger als vier Jahren vom eigenen Volk ermordet oder starb an den Folgen des gewalttätigen Regimes. Das ist die Geschichte Kambodschas.

Das Terrorregime

Am 17. April 1975 nahm die Rote Khmer unter Führung des lange unsichtbaren Pol Pots endgültig die Macht im Land an sich und marschierte in Phnom Penh ein. Dort wurden sie zunächst jubelnd begrüßt, setzte das von Kriegen und Entbehrung gezeichnete Volk doch Hoffnungen in die Veränderung. Vier Tage später war die gesamte Stadt geräumt. Die einstige Metropole Kambodschas glich einer Geisterstadt.

Ziel der Roten Khmer war es, eine reine kommunistische Gesellschaft zu formen. Die unproduktiven Stadtbewohner standen diesem Ziel im Weg und wurden zu Bauern umfunktioniert. Geld und Handel wurden abgeschafft, die Grenzen geschlossen. Die Ernte sollte verdreifacht werden. Ein irrwitziges Ziel, zumal die Arbeiter keine Ausbildung, keine Werkzeuge und kein Essen hatten. Die kleine Ernte wurde exportiert, um Devisen zu beschaffen. Die Arbeiter verhungerten.

Völkermord am eigenen Volk

Es genügte schon, eine Fremdsprache zu sprechen oder eine Brille zu tragen, um als Auslandskooperateure und Verräter am Kommunismus angesehen zu werden. Intellektuelle, Studierte, Freidenker wurden inhaftiert und getötet. Kambodschaner töteten Kambodschaner. Männer und Jungen wurden eingezogen, Feldarbeiter umgesiedelt, Familien getrennt. Kinder, die älter als sechs Jahre waren, wurden ihren Eltern weggenommen, um sie zentral weiterzuerziehen. In kürzester Zeit zerstörten die Roten Khmer die kambodschanische Gesellschaft.

„Dich zu behalten ist kein Gewinn. Dich zu verlieren ist kein Verlust.“
(einer der Slogans des Regimes)

Die Menschen starben auch an Krankheiten, die durch Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit verursacht wurden. Durch Umsiedlung und Trennung von Familien herschten Isolation, Egoismus, Misstrauen, Feindseligkeit. Die Unterernährung erledigte den Rest.

Die Gedenkstätte Choeung Ek ist dort errichtet, wo die Inhaftierten des Foltergefängnisses S21 hingebracht wurden, um sie hinzurichten. Auf dem kleinen Gelände befinden sich 129 Massengräber. In den bis zu fünf Meter tiefen Gruben wurden 17.000 Menschen verscharrt, darunter neun Westler.

Das Morden erfolgte perfide und bestialisch in grellem Neonlicht und zu lauter Revolutionsmusik, die die Schreie schlucken sollte. Um Munition zu sparen, wurden die Menschen mit Hacken, Knüppeln oder Eisenstangen erschlagen oder geköpft. Auch mit den scharfen Kanten der Zuckerpalme wurden ihre Kehlen aufgeschnitten. Alle, die diese Qualen überlebten, starben an dem Gift, das abschließend über die Körper in der Grube gestreut wurde.

Ganze Familien wurden ausgelöscht nachdem ein Mitglied hingerichtet worden war, damit niemand mehr blieb, der Rache nehmen konnte. An einem großen Baum auf dem Gelände von Choeung Ek wurden Gehirnmasse, Haare, Blut und Knochenfragmente gefunden. Hier wurden Kleinkinder zerschmettert. Dieser Baum und die Erklärung dazu sind besonders schwer zu ertragen. Die ganze Grausamkeit wird aber noch einmal realer, als ein Guide mit einer Führung vorbeikommt und während ihrer Erklärungen die Schleuderbewegung der Henker vormacht.

„In einem Völkermord werden die Fäden der Menschheit zerrissen.“
(aus der Audiotour)

Ort des Gedenkens

Der Audioguide, mit dem ich durch Choeung Ek unterwegs bin, hat sehr gute Kopfhörer, die alle Geräusche von außen schlucken. Wenn ich sie abnehme, höre ich nur die Schritte der anderen Besucher auf den Sandwegen. Alle schweigen. Den Betroffenheitstourismus, den ich befürchtet hatte, begegne ich hier nur vereinzelt. Dies ist ein Ort des Gedenkens.

Am See sehe ich zwei Jungen stehen, offenbar Brüder, Khmer wahrscheinlich. Sie lauschen ebenfalls dem Audioguide. Der ältere Junge hat seine rechte Hand auf die Schulter seines kleineren Bruders gelegt. Als die Geschichte auf dem Audioguide vorbei ist, sieht der Kleine zu dem Großen auf. Sie gehen Hand in Hand hinüber zu den Gräbern.

Viele der Massengräber wurden geöffnet und die Schädel gerichtsmedizinisch untersucht. 9.000 Schädel fanden ihre letzte Ruhe in einem großen Stupa auf dem Gelände. An vielen von ihnen ist die Todesursache sichtbar. Auch Arm- und Beinknochen sieht man auf den 17 Ebenen des Stupa. Die anderen Knochen und unzählige weitere Skelette hat man in den Gräbern belassen. Bei Regen werden Fragmente aus diesen Massengräbern ausgespült: Knochen, Kleidungsfetzen, Zähne. Man sieht sie auch zwischen den Wurzeln der Pflanzen auf dem Gelände.

Lernen wir?

Als Deutsche kenne ich Konzentrationslager. Seit meiner Kindheit wurde ich auf die Besuche dort vorbereitet. Das hier ist anders und trifft mich weniger vorbereitet. Der schummrige Killing Cave, den ich in Battambang besucht habe, hat mich mehr verstört, weil ich dort ganz alleine war mit den Schädeln in der Stupa. Hier in Choeung Ek nimmt mich der Audioguide an die Hand und führt mich im Sonnenschein durch diese finstere Zeit. Ich lerne den Schrecken einzuordnen.

Es übersteigt meine Vorstellung, wie grausam Menschen tatsächlich sein können. Hier in Kambodscha sind diese Gräueltaten noch so nah. Kann man verstehen, wie es zu solcher Gewalt, solchem Hass kommen konnte und wenn ja, hilft dieses Verständnis dabei, eine solche Hölle in Zukunft zu verhindern? Ich fürchte, wir lernen nicht.

Ich sehe wieder einmal, wie verwoben alles ist, es keine einfachen Antworten geben kann und wie wenig ich weiß. Um die Gegenwart zu verstehen, muss man die Vergangenheit kennen, aus der sie gewachsen ist. Der Vietnamkrieg, der auch nach Kambodscha geschleppt wurde, ist mitverantwortlich für das Klima, in dem dieses Grauen wachsen konnte. Erklärungen, Schuldzuweisungen bringen uns nur bedingt weiter, aber wir sollten uns der Verantwortung bewusst sein, die wir tragen, besonders die des Hinsehens. Auch aktuell. Im schönen, ach-so-beschaulichen Myanmar, zum Beispiel.

Die Kambodschaner sind nach wie vor traumatisiert von diesem Völkermord des eigenen Volkes. Jede einzelne Familie des Landes ist betroffen. Auch die Nachgeborenen tragen diese dunkle Last mit, oft ohne davon zu wissen. Nach einer langen Phase des Todschweigens und Verdrängens beginnt die Aufarbeitung im Land erst jetzt langsam. Der 20. Mai, an dem der Opfer dieser Gräueltaten gedacht wird, hieß in Kambodscha früher „Tag der Wut“. Heute heißt er „Tag der Erinnerung“.

  1. Kai Pätzke

    Geschichte ist manchmal schwer erträglich. Umso wichtiger ist es, dass sie weitererzählt wird, auch in diesem Beitrag. Danke für deine Eindrücke.