Roadtrip Laos, II: das große Abenteuer!

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Ausnahmsweise lasse ich dieses Erlebnis als richtiges Abenteuer gelten. Es ist wohl das bisher größte meiner Reise und ich habe innerhalb weniger Stunden unfassbar viel gelernt über dieses Land, die Welt und über mich.

Jetzt liege ich auf einer doppelt gelegten Matte in einem Schuppen, der das Premiumschlafzimmer der laotischen Familie zu sein scheint, bei der ich Obdach gefunden habe. Nebenan, nur durch eine halbhohe unverputzte Betonwand von mir getrennt, unterhalten sich der Hausherr und seine Frau. Die Glühbirne neben der Blechtür hat der Hausherr mir mit einer Stricksocke verdeckt, die er von der Leine in der Ecke genommen hat. Es gibt keinen Lichtschalter. Ein Glühwürmchen an der Wand funkt rote und grüne Leuchtsignale. Über mir klopft der Regen auf das Blechdach. Ich bin überglücklich hier sein zu dürfen.

Der Regen ist auch der Grund, warum ich überhaupt hier bin. Er setzte ein, als ich mich auf einem Bergrücken in Nordlaos befand und verwandelte die ungeteerte Straße in eine Schmierseifenpiste. Fahren war mir unmöglich und schon stehen wurde zu einer Herausforderung.

Die Straße hinunter ins Tal, die ich eigentlich hatte nehmen wollen, war durch einen Erdrutsch blockiert. Deshalb war ich auf dem Rückweg zu einem Abzweig, den ich als direktesten Weg hinunter zur Teerstraße vorhin schon hätte nehmen können, aber ich war abenteuerlustig gewesen und hatte den Berg noch nicht verlassen wollen. Tja, da hatte ich mein Abenteuer. Und nicht mehr sehr viel Benzin.

Als ich da so stand, mitten in den Bergen, während der Regen auf mich hinabfiel und der Weg unter mir bei jeder Gewichtsverlagerung ins Rutschen geriet, blieb ich erstaunlich ruhig. Ich war nur ziemlich ratlos. Dann fiel mir eines der Akha-Dörfer ein, an denen ich auf dem Hinweg vorbeigekommen war und das nicht mehr weiter als zwei, drei Kilometer weg sein konnte. Dort hatte es nett ausgesehen. Und das war jetzt mein Ziel!

In einer Regenpause schlitterte und kämpfte ich mich meterweise zurück zu dem Dorf. Gleich im ersten Haus am Wegrand fragte ich nach einem Schlafplatz. Von dort wurde ich von Pontius zu Pilatus geschickt, stand zwischendurch etwas unschlüssig herum und wartete, aber ich war wild entschlossen, mich nicht wegschicken zu lassen. Die 45 Kilometer ins Tal konnte ich heute jedenfalls nicht mehr fahren. Notfalls reichte mir auch ein Hühnerstall für die Nacht.

So schlimm kam es aber natürlich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich wurde bei einer Familie ganz am Ende des Dorfes aufgenommen (bei der des Ortsvorstehers, nehme ich an). In wenigen Minuten hatte sich eine Kinderschar im Hof versammelt. Mein schmutziges Motorrad wurde fachkundig von ein paar Männern inspiziert, die herbeigeschlendert waren, und man schien verwundert, wie ich es wohl geschafft hatte, es so dreckig zu machen. Und mich mit dazu.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich trocken unter dem hölzernen Pfahlhaus mit den Kindern des Dorfes, die mit mir andächtig mein Zeigewörterbuch anschauten, mir ein paar laotische Begriffe beibrachten und alles, was ich sagte, sehr witzig zu finden schienen. Einer der Söhne des Hauses sprach zwar ein bisschen Englisch, aber die Zahlen von eins bis zehn und „hello“ brachten uns nur bedingt weiter.

Was mich verblüffte und begeisterte war, wie aufmerksam und konzentriert die Kinder aller Altergruppen um mich herum waren. Zeigte ich ihnen einen Trick, erfassten sie ihn blitzschnell und machten ihn nach. Den komplizierten offbeat-Rhythmus aus klopfen, schnipsen und klatschen konnten zwei der Älteren bereits nach drei Wiederholungen. Nur schnipsen konnte keines der Kinder. Und ich war außer Stande es zu erklären. Wie schnipst man eigentlich? Dafür brachte ich den Kindern schielen bei und zeigte ihnen, wie man mit den Ohren wackelt.

Irgendwann gingen mir die Absonderlichkeiten aus und die Kinder widmeten sich wieder ihrem unmoderiertem Spiel. Ich saß alleine unter dem Haus, schaute mich um und hing meinen Gedanken nach. Der Sonnenuntergang über den Berggipfeln ließ dann alles in mir verstummen. Was für ein Tag! Aber er war noch nicht vorbei.

Zum Abendessen saß ich mit dem Familienvater im gemauerten Küchenhaus auf dem Boden, aß Rührei, Reis und gedünstete bittere Blätter aus dem Garten, die ich zu falten und in scharfe Soße zu tauchen lernte. Dazu trank ich einen Becher Tee und redete meinem Magen gut zu.

Nach dem Essen kamen mich der Hausherr und seine Frau in dem für mich geräumten Zimmer besuchen. Wir saßen zusammen auf dem Boden und ich zeigte ihnen Fotos meiner Familie, meiner Heimat und aus Kambodscha. Wir unterhielten uns prächtig – ohne dass einer von uns die Sprache des anderen verstand. Nur wo ich denn herkomme, konnte ich ihnen nicht begreiflich machen, dabei malte ich so eine hübsche Weltkarte in mein Reisetagebuch mit Ländern, die sie kannten, improvisierte eine deutsche Flagge, zählte alle Fußballvereine und -spieler auf, die mir einfielen, sagte „Merkel, Merkel“, „Bia“ und Deutschland auf englisch, französisch, spanisch, vietnamesisch, schwedisch und spanisch, ja, ich sang sogar die Nationalhymne – kein Leuchten der Erkenntnis in den Augen meines Publikums. Aber es soll mal einer sagen, ich hätte meinen Job als Botschafterin unseres Landes nicht ernstgenommen.