Kriegsopfer Laos

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Auf meinem Roadtrip durch den Norden von Laos besuchte ich auch Gedenkstätten, die an den Geheimen Krieg erinnern: Von 1964 bis 1973 warfen die amerikanischen Streitkräfte im Rahmen ihres Krieges in Vietnam im Schnitt alle acht Minuten Bomben auf Laos ab, 24 Stunden am Tag, neun Jahre lang, über 2 Millionen Tonnen Sprengsätze insgesamt. Das kleine, wunderschöne, ach so beschauliche Laos ist damit das am stärksten bombardierte Land der Erde.

Und es ist auch das Land, in dem heute noch die meisten Blindgänger im Boden liegen. Man schätzt, dass jede dritte Bombe nicht explodierte (jede dritte!). Blindgänger, die auch knapp 50 Jahre nach Ende des Geheimen Krieges noch fast jeden Tag Menschen verletzen und töten. Besonders heimtückisch sind Bombies, oder auch Bomblets genannt. Das sind tennisballgroße Sprengsätze aus Streubomben, die klein sind und harmlos aussehen. Der Regen spült diese und andere Blindgänger immer wieder an die Oberfläche. Kinder spielen mit den Bombies, Bauern stoßen beim Pflügen ihrer Felder auf die Bomben und Schrottsammler suchen gezielt danach, um ihre Familien zu ernähren.

Mehrere Organisationen sind damit beschäftigt, die Bomben zu finden und zu entschärfen, aber bei der Größe des bombardierten Gebiets und der Masse an Sprengsätzen ist das fast Si­sy­phus­ar­beit. Nach aktuellen Schätzungen wird es noch über 100 Jahre dauern, bis Laos wieder bombenfrei ist. 100 Jahre weitere Jahre voller sinnloser Tode und Verletzungen. Noch mehrere Generationen, die mit diesem verdammten Erbe leben müssen.

Wenn man außerhalb der Städte unterwegs ist, entdeckt man immer wieder Hinweise auf die tödliche Gefahr: Kuhlen im Boden oder Bomben, die als Gartendeko oder Weidezäune verwendet werden. Jedem Reisenden wird eingeschärft, die bestehenden Wege nicht zu verlassen. Rund um die Ebene der Tonkrüge liegen sehr prominent Markierungssteine im Boden, die darauf hinweisen, dass dieser Bereich von Blindgängern gesäubert wurde. Nicht alle Tonkrüge sind zugänglich, weil die Gegend um sie noch nicht gesichert wurde. Genau wie große Teile des restlichen Landes.

Ich besuchte auch die Höhle Tam Piu, in der am 24. November 1968 von einer einzigen amerikanischen Bombe 376 Menschen getötet wurden. Menschen, die in der Höhle Schutz gesucht hatten vor dem Bombenterror in ihren Dörfern. Mein Besuch dort bewegte mich besonders, aber nicht, weil die Gedenkstätte so bewegend ist; im Gegenteil. Sie ist in einem sehr schlechten Zustand! Mit wenig Pathos und ohne Liebe wird in einem kleinen, stickigen, schlecht beleuchteten Raum auf zwei Tafeln erwähnt, was hier passiert ist. Dazu gibt es stark vergilbte, scheinbar wahllos zusammengestellte, schlecht beschriftete Fotos, ein paar Granaten und Monition in einem Glaskasten und in einem anderen einen Schädel, um den Geckoköttel und tote Mücken liegen. Die Höhle selbst ist zugemüllt, der Weg hinauf verwahrlost.

Beschäftigt hat mich also weniger der Ort, sondern dass die LaotInnen diese nationale Gedenkstätten so verkommen lassen. So lieblos damit umgehen. Das scheint so gar nicht in mein Bild der Menschen hier zu passen. Und doch: Der Krieg ist ein Trauma und reißt noch immer jeden Tag tödliche Wunden in dieses Land. Vielleicht kann man mit der Gefahr nur leben, indem man sie verdrängt? Und mit ihr die Erinnerung? Der Geheime Krieg ist in Laos noch nicht vorbei. Und mit diesem Trauma, mit ihrer Vergangenheit sind die Menschen noch lange nicht fertig. Tam Piu ist getränkt aus einer Mischung aus Wut, Hilflosigkeit und Schmerz, für die es keinen Platz in der laotischen Gesellschaft zu geben scheint.

Ich habe Geschichten von Bombenräumern gelesen, die ihre Aufgabe als Bewältigung sehen, als Dienst an ihrem Land, ihrer Familie. Je mehr ich über diesen sinnlosen, unberechtigten, menschenverachtenden, wahnwitzigen Krieg und seine Folgen erfahren, je mehr ich von diesem Land gesehen, je mehr Menschen ich kennengelernt habe, desto mehr frage ich mich, wie schaffen es die Menschen hier nicht zu hassen. Und hassen sie tatsächlich nicht? Und wenn doch, wohin mit all dem Hass? Was passiert in dieser Gesellschaft, wenn sie anfangen, dieses Trauma aufzuarbeiten? Ich habe keine Antworten gefunden, aber ich hoffe, wir werden es bald erfahren.